Geschichte

Einstellungen Zurück

Eine Geschichte von Blüte und Niedergang
Zusammen mit dem Grandhotel Giessbach bilden die gleichnamigen Wasserfälle am südöstlichen Ende des Brienzersees eine der schönsten touristischen Attraktionen der Schweiz. Unterhalb des 2927 m hohen Schwarzhorns entspringt der Giess-bach und fliesst durch ein landschaftlich ansprechendes und wenig erschlossenes Tal, das durch vier Steilstufen und Wasserfälle geprägt ist. Unter dieser Zone schliesst sich die 100 Meter tiefe Bottenklamm an, bevor der Giessbach in – offiziell – vierzehn Stufen über insgesamt 290 m in den Brienzersee stürzt.  Touristisch wurden die Giessbachfälle am Ende des 18. Jahrhunderts entdeckt, als die ersten Besucher mit Ruderbooten von Brienz aus zu den Fällen gebracht wurden. In den folgenden Jahren wurde das Gebiet langsam mit einer Infrastruktur für Besucher ausgestattet, und im Jahr 1857 wurde ein erstes Hotel mit 60 Betten eröffnet.

Mit der Eröffnung des ersten Grandhotels Giessbach im Jahr 1875 wurde eine neue Ära dieser Entwicklung eingeläutet. Dieses im Stil des französischen Barocks errichtete Grandhotel war der Unterbringung «höherer Herrschaften würdig», sollte aber auch «dem bescheidenen Bürger als Ruhe- und Raststätte zu empfehlen sein». Als weiterer Höhepunkt der Erschliessung des Naturwunders Giessbachfälle wurde vier Jahre später die Standseilbahn zwischen der Schiffsanlegestelle und dem Grandhotel gebaut, die im Jahr 2004 das 125. Betriebsjahr absolvierte und somit als älteste in Betrieb stehende Drahtseilbahn ein besonderes Jubiläum feiern konnte. Nach einem Brand, bei dem das erste Grandhotel vollständig vernichtet wurde, öffnete 1884 dasjenige Hotel die Türen, das auch heute noch im Schweizer Holzbaustil diesen Ort massgeblich prägt. Der Neubau bot einen Luxus, der der einheimischen Bevölkerung zur damaligen Zeit wohl sehr verschwenderisch vorkommen musste: Gesellschaftsräume, Lese-, Billard-, Musik- und Spielsäle, Turngeräte, Ruderboote, Tennisfelder, Croquetfeld, Kegelbahn, Flobertschiessanlage und Angeln ermöglichten den Gästen einen individuellen Zeitvertrieb. Doch auch drei tägliche Konzerte, Bäder, ein Zigarrenmagazin, elektrische Beleuchtung und eine Bierhalle garantierten dem Grandhotel in der Blütezeit des Tourismus einen Grosserfolg und liessen die Besucherzahlen schon bald nach der Eröffnung auf über 70 000 pro Jahr anschwellen.  Vom totalen Einbruch der Grosshotellerie im Ersten Weltkrieg erholte sich das Grandhotel nicht mehr, und es drohten nach dem Zweiten Weltkrieg sogar der Abriss und die Nutzung des Giessbachs zur Wasserkrafterzeugung, was das Ende dieser landschaftlich so wertvollen Wasserfälle bedeutet hätte. Dagegen wehrten sich jedoch der Uferschutzverband Thuner- und Brienzersee und der Berner Heimatschutz. Noch zweimal waren die Wasserfälle und das Grandhotel in den folgenden Jahren in ihrer Substanz bedroht: einerseits durch den Bau der Nationalstrasse Interlaken–Brienz – die nun jedoch das gesamte Gelände in einem Tunnel unterquert –, andererseits mit den Plänen für einen Abriss dieses kulturhistorisch bedeutenden Gebäudes und einen Neubau im «Jumbo-Chalet-Stil».  Glücklicherweise wurde jedoch die Stiftung «Giessbach dem Schweizervolk» unter Franz und Judith Weber aktiv, und es gelang ihnen, die nötigen drei Millionen Franken zur Rettung und zum Kauf des historischen Hotels und des Umschwungs aufzubringen. In den folgenden sechs Jahren wurde das Grandhotel durch aufwendige Restaurierungen, Sanierungen und Ausbauten wieder in einen vorzüglichen Zustand versetzt.  Somit ist einer der schönsten und bekanntesten Wasserfälle der Schweiz wieder einem Publikum zugänglich, das sich nicht nur an diesem aussergewöhnlichen Naturdenkmal erfreuen, sondern auch das historische Ambiente ausreizen kann. Die Giessbachfälle und das Grandhotel Giessbach – das zum historischen Hotel des Jahres 2004 ernannt wurde – ziehen in der Zwischenzeit wieder gleich viele Besucher an wie zur besten Zeit der Belle Époque hundert Jahre früher.